Tiefe Nacht umfing das kleine Dorf, irgendwo am Rande des Nirgendwo. Die kleine Rarua stand vor ihrer Hütte. Sie hatte sich hinaus geschlichen, um die Nachtgeister zu sehen.
Ihr Freund Peorer hatte ihr erzählt, die Nachtgeister wären nur eine Erfindung, um kleine Kinder nachts in den Hütten zu halten. Das hatte Rarua natürlich hinausgefordert, sie wollte ihm das Gegenteil beweisen, selbst wenn sie dafür zu den Geistern laufen müsste. Langsam schlich sie sich in Richtung der Hütte von Peorer, der auf sie warten wollte. Sie konnte den älteren Jungen schon aus einiger Entfernung sehen, wie er sich an die Wand seiner Behausung quetschte und sich immer wieder schnell umsah. Mit seinen zwölf Jahren war Peorer nur zwei Jahre älter als sie, aber wesentlich größer. Bei einer seiner Hastigen Kopfbewegungen sah er sie schließlich und entfernte sich langsam und geduckt von der Wand.
"Hast du alles dabei?", fragte er sie mit leiser Stimme?
Rarua nickte und nahm die Tasche vom Rücken, damit er hineinsehen konnte. Eine Moosfackel, zwei Zündhölzer und ein Messer, damit sie sich gegen die Geister wehren konnten, sollte es nötig sein. Sie bezweifelte allerdings, dass das Messer ihnen viel nützen würde. Nach allem, was ihre Eltern gesagt hatten, waren die Nachtgeister unverletzlich, unsterblich und allwissend.
"Me-meinst du, wir sehen welche?"
Peorer hörte sich ungewöhnlich an, normalerweise war seine Stimme immer sarkastisch, herausfordernd, aber diesmal... nichts. Rarua lächelte. Zum Glück hatten sie das Dorf bereits verlassen, so dass der Junge, im schwachen Mondlicht, ihr Gesicht nicht deutlich genug erkennen konnte.
Aber desto weiter sie sich vom Dorf entfernten, desto ängstlicher wurde auch Rarua. Wenn die Nachtgeister sie nun entdecken würden? Wenn sie ihnen etwas antun würden? Wenn die Geschichten, die ihre Eltern ihr erzählt hatten, wahr sein sollten?
Sie waren erst zehn Minuten unterwegs, aber Rarua kamen sie wie Stunden vor. Und dann hörten sie etwas. Ein leises Säuseln, das durch die Blätter der Bäume zog und sich ihnen langsam näherte. Als es sich anhörte, als wenn es nur noch wenige Meter entfernt war, konnten sie ein schwaches, rotes Licht zwischen den Bäumen sehen, das sich ihnen näherte. Dabei umkreiste es immer wieder einzelne Bäume, um dann zum Nächsten zu springen. Trotz der warmen Sommernacht wurde beiden schlagartig kalt. Sie griffen, das Messer vergessend, gleichzeitig nach der Hand des anderen und rückten eng zusammen.

Zusammen mit dem Sonnenaufgang entdeckten Peorers Eltern, dass ihr Sohn verschwunden war. Eine halbe Stunde lang suchten sie das Haus und die Umgebung ab, aber als sie nichts fanden informierten sie den Rest des Dorfes. Kurz darauf entdeckten auch Raruas Eltern das Verschwinden ihrer Tochter. Nun war das ganze Dorf in Aufruhe, Peorer allein hätte dafür nicht ausgereicht, zu oft hatte er das Dorf bereits in Angst versetzt, nur um sich lachend in einem Baum zu verstecken.
Rarua dagegen? Nein, sie war zu anständig und brav, ihr Verschwinden konnte kein Scherz sein. Zehn Tage suchten sie nach den beiden, aber fanden nichts. Als dann der Herbst anbrach zogen sie weiter, um sich in den Höhlen in den einige Tagesmärsche entfernten Bergen vor dem Winter zu verstecken.





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