Natur


Wenn hinter jedem Baum ein anderer steht
Wenn hinter jedem Busch ein Baum steht
Wenn hinter jedem Strauch ein Busch steht
Wenn hinter jeder Blume ein Strauch steht
Dann bist du mitten im Wald
Und solltest schleunigst fliehen!

Eine alte Spruchweisheit, noch aus den Tagen bevor es kaum noch Flächen ohne Wald gab. Aber bereits aus den Tagen, als die Natur sich wehrte. Es gab alte Erzählungen, dass es Zeiten gegeben haben soll, in denen die Menschen die Natur fast besiegt hatten. In denen es möglich gewesen war eine Blume zu pflücken, oder sie auch nur zu betrachten, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.
Aber das waren nur Erzählungen. Es war unvorstellbar, dass so eine Zeit existiert hatte. Die Natur war einfach zu mächtig und so mussten sich die Menschen in Festungen verstecken.
Niemand wusste, woher diese Festungen kamen. Sie waren einfach da gewesen, schon so lange die Menschen sich erinnern konnten. In ihnen war es meist dunkel, aber Dunkelheit war gut. Denn in der Dunkelheit wuchsen keine Pflanzen. Sie brauchten Sonnenlicht. Und das konnte nicht bis in das Innere der Festungsgebäude vordringen. Aber was die Natur fernhielt, machte es auch für die Menschen schwer zu überleben. Auch der Mensch brauchte Sonnenlicht und etwas zu trinken und zu essen. Deshalb gab es die Bereiche vor den Festungen.
Große, von einem schwarzen Belag überdeckte Gebiete auf denen nichts wuchs. Und es gab die Jäger. Die Jäger waren die Herrscher über die Menschen, denn von ihnen hing es ab, ob ein Stamm überlebte oder nicht. Wenn sie sich weigerten Nahrung und Wasser zu beschaffen oder wenn die Natur sie besiegte, dann war dies das Todesurteil für die anderen. Niemand sonst traute sich in den Wald oder wusste, wie man die Waffen bediente, die sie mit sich führten.
Das ist die Geschichte vom Sieg der Natur, über den letzten Stamm der Menschen...

Sie waren zu dritt. Drei Jäger, wartend auf ihre Beute. Die letzten Jäger der Menschheit, auch wenn sie es nicht wussten. Es war erst wenige Wochen her, dass sie eine Gruppe Jäger eines anderen Stammes getroffen und mit ihnen Handel getrieben hatten. Aber diese Gruppe hatte es auf dem Weg zurück erwischt, und auch sie hatten nicht geahnt, dass sie die Vorletzten waren. Die Ausrottung war langsam gegangen, unauffällig. Und nun war es zu spät.
Die drei saßen also auf verschiedenen Bäumen um eine Lichtung herum und warteten. In der Mitte besagter Lichtung hatten sie einen toten Hasen auf einen Stock gespießt, um größere Tiere anzulocken. Es war eine Geduldsprobe, das Warten konnte Stunden dauern. Aber wenn es zu lange dauerte, dann verfaulte das Fleisch in der Sonne und ihr einziger Fang des heutigen Tages wäre verdorben. Dennoch warteten sie, denn ein Hase würde nicht reichen, den Stamm zu versorgen.
Als sie schon fast aufgeben wollten, raschelte es in den Büschen und zwei Wölfe betraten die Lichtung. Beide waren groß, aber einer war riesig. Gaze drei Meter lang und einen Meter hoch. Ein majestätisches Tier, vollgepackt mit Muskeln und Fleisch. Er musste als erstes sterben, sonst würde er die Jäger sicher töten. Der zweite war kleiner, aber hatte dennoch eine Länge von zwei Metern und eine nicht zu verachtende Schulterhöhe. Als die Tiere sich der Mitte genähert hatten legten die drei Jäger auf die Sekunde gleichzeitig an, zielten und drückten ab. Das gemeinsame Donnern war ohrenbetäubend. Die Einschläge stoppten den Wolf in der Bewegung. Zwei Schüsse trafen seinen Torso, der dritte ging in den Kopf. Er war auf der Stelle tot.
Der zweite Wolf sah sich um, man konnte deutlich sehen, dass er Angst hatte, aber auch, dass er wütend war. Er hatte sich zu voller Größe aufgerichtet und rannte auf einen der Bäume zu, auf denen die Jäger versteckt waren. Aber bevor er ankam, wurde er von zwei Kugeln getroffen. Die dritte ging knapp über seinen Kopf hinweg, aber auch die zwei Treffe reichten, um ihn zum Stehen zu bringen. Es donnerte noch drei weitere Male und auch der zweite Wolf war tot.
Zufrieden kletterten die Jäger von ihren Bäumen und schnitten beiden Wölfen die Kehle durch, zur Sicherheit. Es wären nicht die ersten Tiere, die sich tot stellten und dann doch noch angriffen. Sie zerlegten die Wölfe und packten das Fleisch in ihre Rucksäcke und auf die Tragbahre, die sie dabei hatten. Mit der Beladung würde der Heimweg ein paar Tage dauern, aber das machte ihnen keine Sorgen. Das Fleisch war so verpackt, dass kein Geruch nach außen drang und es sich lange genug hielt. Sie würden reiche Beute nach Hause bringen.

Von den Jägern unbemerkt hob ein einzelner Rabe vom Rand der Lichtung ab und flog davon.

Sie waren einige Stunden gelaufen, als die Nacht hereinbrach und eine Rast unvermeidlich wurde. Nachts im Wald umherzuwandern wäre Selbstmord, auch eine Lektion, die sie vor langer Zeit gelernt hatten. Sie suchten sich einen großen und starken Baum und warfen Seile über seine Äste. Dann banden sie die Tragbahre fest und zogen sie nach oben. Sie war zwar luftdicht, aber es konnte immer noch ein Tier durch Zufall darüber stolpern. Und niemand wollte, dass die Tiere der Nacht einen zu genauen Blick auf den Baum warfen. Sie selbst kletterten auf den Baum und machten es sich auf den Ästen so bequem, wie möglich. Es dauerte nicht lange und sie schliefen ein.
Ein leises Rascheln weckte einen der Jäger. Verschlafen sah er sich nach der Quelle des Geräuschs um und entdeckte einen Raben, der sich einige Äste über ihnen im Baum niedergelassen hatte. Beruhigt schlief er weiter.
Am nächsten Morgen kletterten sie vom Baum herunter. Das nächtliche Erlebnis mit dem Raben hatte der Jäger schon wieder vergessen und so erfuhren die Anderen es nie. Sie ließen die Tragbahre langsam zu Boden, warfen sich ihre Rücksäcke über und machten sich wieder auf den Weg. Keiner sprach ein Wort. Menschliche Stimmen waren verräterisch. So lange sie sich stumm bewegten und keine weiteren Geräusche als die des Laufens im Wald verursachten, waren sie mehr oder weniger sicher. Zumindest würde es eine Sichtung bedürfen, um sie zu verraten. An einen kleinen Bach machten sie Rast, aßen und tranken. Das Wasser war frisch und lecker, aber ihre Nahrungsvorräte waren alt. Zwar waren sie noch nicht verfault, aber es würde nicht mehr lange dauern. Und das Wolfsfleisch war nicht als Ration für unterwegs gedacht. Sie würden sich beeilen müssen.
Aus dem Augenwinkel sah der Jäger, der in der Nacht schon durch den Raben geweckt worden war, etwas auf sich zukommen. Es war schnell, klein und schoss durch die Luft. Direkt in sein Gesicht. Wild kreischend verfing sich der Rabe in seinem Bart und begann seine Augen auszupicken und Fleisch aus seinen Wangen zu reißen. Erschrocken fuhren die beiden anderen auf. Einer von beiden (der Anführer der Gruppe) war geistesgegenwärtig genug sein Messer zu zücken und den Raben entzwei zu schneiden. Aber es war zu spät. Das Gesicht des Jägers war vollkommen zerstört. Seine Augen waren nur noch zwei große, runde Höhlen, seine Wangen waren zerpflückt und man konnte in seinen Mund sehen und er litt höllische Schmerzen, das konnte man sehen. Ohne zu zögern zog der Anführer das Messer durch die Kehle des Jägers und beendete sein Leid (und die Gefahr, dass er doch noch schrie).
Die beiden Überlebenden sahen sich an und packten ihre Sachen eilig zusammen. Der dritte Rucksack wurde mit auf die Bahre gelegt und dann ging es weiter. Rennend. Sie mussten weg von der Stelle, an der ihr Kamerad gestorben war, bevor sein totes Fleisch Raubtiere anlocken konnte. Sie rannten so lange, bis sie nicht mehr konnten, dann verfielen sie wieder in Schritttempo.
Der Angriff des Rabens war etwas Einzigartiges für sie gewesen. Tierangriffe an sich waren nichts Neues, aber noch nie hatte ein friedliches Tier sie überfallen. Das machte die ganze Sache unglaublich erschreckend. Wenn nun alle Tiere so weit waren, dass sie angriffen, war der Wald nicht mehr sicher. Wo sollten sie dann Fleisch herbekommen? Es war unmöglich Weidetiere zu halten, da sie keine Grünflächen besaßen und alles was nicht weidete, war potentiell fleischfressend und damit gefährlich. Sie mussten sich wirklich etwas einfallen lassen, wenn sie überleben wollten.
Als die Nacht hereinbrach verschanzten sie sich wieder auf einem Baum, stellten diesmal aber eine Wache auf. Der Anführer hatte die erste Wache. Er überlegte, wie sie sich gegen die Angriffe von Vögeln wehren konnten, kam aber zu keinem Ergebnis. In der Mitte der Nacht weckte er den anderen und schlief. Als er am Morgen erwachte, war er allein. Leise fluchend stieg er vom Baum herunter und sah sich nach Spuren um, vielleicht war der Andere ja nur kurz in den Wald gegangen, um sein Geschäft zu erledigen. Aber er sah keine Spuren, außer... hinter einem Busch sah er etwas aufblitzen. Das Gewehr des Anderen Jägers. Kein Jäger würde sein Gewehr freiwillig zurücklassen, etwas musste passiert sein. Und er hatte es verschlafen. Wütend schwang er sich seinen Rucksack über die Schultern und einen der anderen Beiden vor den Bauch. Die Bahre konnte er allein nicht mehr tragen und so musste sie zurückbleiben, zusammen mit dem dritten Rucksack.
Es war eine Schande, so viel Nahrung zurücklassen zu müssen...
Seine restliche Reise dauerte zwei Tage. Zwei Tage, die er lief und auf Bäumen wartete, ohne zu schlafen. Übermüdet und
geschafft erreichte er das Dorf um die Festung herum. Doch was er vorfand verschlug ihm den Atem. Das Dorf war verwüstet, überall lagen verstümmelte Leichen herum. Als er sie sich näher ansah entdeckte er Bissspuren von Tieren und Verletzungen, wie sie der Rabe dem anderen Jäger zugefügt hatte.
Die Vögel mussten die Wachen überrascht haben und dann waren die anderen Tiere gekommen, hatten das Dorf ausgelöscht und waren... Die Festung.
Er sprang auf und rannte um die Mauer herum zur nächsten Seite. Das Tor stand weit offen. Und er konnte etwas aus dem Inneren hören. Schreie. Er rannte weiter, vorbei an Gängen und Türen und auf die Quelle der Schreie zu. Als er um die letzte Ecke bog, sah er sie. Eine Gruppe von Kindern, umringt von drei Jugendlichen mit Messern, die einen Schild gegen fünf Wölfe bildeten. Er zielte und schoss auf den ersten Wolf. Er gab schnell zwei weitere Schüsse auf die anderen Wölfe ab, bevor sie ihn erreichten und zerfleischten. Es dauerte nicht lange, bis auch die Kinder alle tot waren.

Und so kam es, dass die Menschen von der Erde getilgt wurden.



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