Kapitel 5
"Doktor? Sind Sie so weit?"
"Einen Moment noch. Gleich… jetzt. Da ist es."
Mit einer langsamen Bewegung zog er die Muskelmasse aus dem Körper heraus und legte sie in eine Schale neben dem Operationstisch.
"Wissen wir schon was schief gelaufen ist?"
"Nein Doktor. Daher sollten sie die Muskeln ja auch wieder entfernen. Möglicherweise liefern uns weitere Untersuchungen den Grund."
Er nickte.
Irgendetwas hatte einen plötzlichen Tot von Nummer 37 und 38 verursacht. Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen. Seit der letzten Versuchsreihe hatten sie deutliche Fortschritte erzielt. Aber es war passiert und jetzt mussten sie warten. Bis Nummer 39 und 40 bereit waren für die erste Testreihe würden noch mindestens zehn Jahre vergehen. In den letzten Monaten waren zu viele gestorben, eigentlich hätten sie zu diesem Zeitpunkt zwölf Versuchsreihen aus je zwei Objekten haben sollen, aber die letzte Versuchsreihe war gestern Abend mit Nummer 37 und 38 gestorben.
Er verließ das Labor. Auf seinem Weg nach draußen sah er noch einmal bei Nummer 39 und 40 vorbei.
Die beiden saßen zusammen in ihrem kleinen Zimmer. 39 war für sein Alter schon ausgesprochen groß, grade mal fünf Jahre alt, und er hatte schon einen Meter dreißig Körpergröße und das nicht nur in die Länge, seine Arme waren muskulöser als für ein Kind dieses Alters üblich.
Und er wird kräftiger werden. Und wenn wir mit ihm fertig sind, wird er noch stärker werden, viel stärker.
40 dagegen war klein, das Mädchen reichte ihm nicht einmal an die Brust, aber auch sie würde stark werden.
Oder sterben, wie die anderen Versuchsobjekte vor ihr.
Sie hatten die Stadt nun vor zwei Tagen verlassen. Nach einem Tag hatten sie laute Geräusche aus Richtung der Stadt gehört, der Schall trug hier weit.
Julie lag im Bett und schlief. Terry stand neben 39 auf dem Platz des früheren Beifahrersitzes, der jetzt der Fahrersitz war. Sie hielt sich mit der rechten Hand fest und mit der anderen drückte sie ihm die rechte Schulter.
Vor ihnen erstreckte sich noch immer das Weiße Land, und nichts anderes. Kilometerlang nichts als Steinwüste.
"Wohin fahren wir? Wir erfahren es doch eh spätestens, wenn wir da sind."
"Zu einem Gebäude. Ein großes Gebäude aus weißem Stein. Ich bin darin aufgewachsen."
"Du bist was?", sie sah ihn ungläubig an, "Du kannst dort nicht aufgewachsen sein, hier hinten ist nichts, nichts als das Weiße Land. Das kann einfach nicht sein."
"Einmal war hier etwas. Früher… Als ich damals von dort weg bin, war das alles hier noch grün. Es gab Gräser, Wälder und Städte."
"Aber… das Weiße Land existiert schon seit ewigen Zeiten."
Er sah sie nur an.
Das macht keinen Sinn. Selbst wenn es hier vor dem Weißen Licht Gras und Städte gab, das ist Jahrhunderte her.
"Du kannst dort nicht aufgewachsen sein.", sie schüttelte ungläubig den Kopf, "Du kannst einfach nicht."
Er sah sie wieder nur an.
"Und was werden wir in dem Gebäude finden?"
"Ich weiß es nicht."
Terry nickte nur stumm und ging nach hinten zum Bett. Sie stieg über Julie hinüber und legte sich neben sie, wodurch sie aufwachte.
"Mama?", Julie dreht sich um und sah Terry verwirrt an.
"Nein, ich bin's nur. Terry."
Das Mädchen lächelte kurz und drehte sich dann wieder um. Kurz bevor sie wieder einschlief griff sie nach Terrys Arm und legte ihn um sich.
Soll ich es ihnen sagen?
Was sagen?
Was uns dort erwartet.
Nein, das brauchen sie nicht zu wissen, sie würden es eh nicht verstehen.
"39, komm mal nach vorne!", rief Julie vom Fahrersitz nach hinten.
Er kam langsam nach vorne gelaufen und stützte sich hinter ihr auf dem Sitz ab.
"Was gibt es?"
"Da vorne, da ist etwas."
Sie deute mit der linken Hand nach vorne aus dem Fenster. 39 folgte ihrem Finger und konnte am Horizont etwas Großes, Helles erkennen.
"Was ist das?"
"Unser Ziel. Wenn wir so weiterkommen wie bisher, sind wir in zwei oder drei Tagen da."
Terry kam auch nach vorne und schlang ihre Arme von hinten um 39.
"Was seht ihr euch an?"
"Er sagt, unser Ziel. Der weiße Punkt am Horizont, genau da.", sie zeigte wieder in die Richtung.
Terry nickte.
"Weißt du endlich, was uns dort erwartet?"
39 drehte sich zu ihr um und legte auch die Arme um sie.
"Nein."
"Ich hoffe es fällt dir noch ein, bevor wir da sind, damit wir uns vorbereiten können."
Glaub mir Schatz, du kannst dich nicht vorbereiten. Ich hoffe einfach, wir überleben unsere Ankunft. Er sprach den Gedanken nicht aus. Stattdessen drehte er sich wieder zu Julie um und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Immer schön weiterfahren. Terry und ich machen was zu essen für uns."
Seit zwei Jahren experimentierten sie nun schon mit den Muskeln, die sie den letzten Versuchsobjekten entnommen hatten. Und noch immer hatten sie keine Ergebnisse. Immer wenn es den Eindruck machte, dass sie ihrem Ziel ein Stück näher gekommen waren, stießen sie auf neue Widersprüche.
Wenn es so weiter ging, konnten sie das Experiment vergessen. Die Muskeln für Nummer 39 und 40 bereit zu machen würde fünf Jahre dauern, das hieß sie hatten nur noch drei für die Fehlersuche und zwei hatten sie bereits vergeudet.
Wir brauchen Ergebnisse. Oder alles ist verloren.
Aber sie hatten keine. Doktor Fum wusste nicht mehr weiter, er fing an sich für den Feierabend fertig zu machen, als das Licht an seinem Telefon leuchtete. Ein internes Gespräch. Er nahm langsam ab.
"Doktor Fum."
"Doktor, ich glaube wir haben etwas. Es…"
Mehr hörte er nicht, da er bereits aus seinem Büro gerannt und auf dem Weg nach unten war. Als er im Labor ankam, sah er seine Forschungsleiterin an.
"Was haben Sie?"
Vor ihnen ragte ein weißer Klotz aus dem Boden. Eigentlich war es kein Klotz, sondern ein Bunkereingang, aber auf die Entfernung wirkte er auf Terry einfach nur wie ein großer weißer Klotz.
Sie hatten einen Tag länger gebraucht als sie erwartet hatten, aber nicht wegen dem Wagen, sondern wegen Terry. In den letzten Tagen ging es ihr schlechter, sie fühlte sich ausgelaugt und musste sich jeden Morgen übergeben, manchmal auch mehrmals am Tag. 39 zeigte aber keine Reaktion auf diese Verzögerung.
Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt Emotionen hat.
Natürlich würde sie ihm das nicht sagen, dafür liebte sie ihn zu sehr, aber der Gedanke schlich sich immer wieder in ihren Kopf. Jedes Mal, wenn er sie ohne jeden Gesichtsausdruck nach draußen begleitet hatte, damit sie sich übergeben konnte. Jedes Mal, wenn sie sich liebten und er danach nur leer in die Gegend starrte. Jedes Mal, wenn er den Wagen fuhr und seinen Blick nicht von dem weißen Punkt am Horizont lassen konnte.
Aber das war nicht immer so gewesen. In der Stadt hatte er noch Gefühle, das konnte ich in seinen Augen sehen.
Als sie so darüber nachdachte dämmerte es ihr: Er hat sich erst verändert als der weiße Punkt am Horizont auftauchte. Sie waren vielleicht noch zehn Minuten von dem Bunker entfernt als 39 abrupt auf die Bremse trat. Er zog den Schlüssel aus dem Wagen und stand langsam auf.
"Packt alles was wir noch an Essen und Getränken haben in die Rücksäcke, von hier aus gehen wir zu Fuß. Terry, pack dir leichte Gegenstände ein, ich will nicht, dass du unterwegs zusammenbrichst."
Hatte sie Besorgnis in seiner Stimme gehört? Sie war sich nicht sicher, vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht.
Nach ein paar Minuten hatten sie alles was sie gebrauchen konnten soweit eingepackt, nur die Waffen fehlten noch. Julie schlang sich ihren Revolver um ihre schmale Hüfte. Terry tat es ihr mit ihren 2 Pistolen gleich, dann verließen die beiden Wagen, erst Julie, dann Terry.
Als sie nach draußen trat blieb sie in der Tür stehen. 39 stand mit dem Rücken zur Tür und auf seinem Rücken trug er ein dreißig Zentimeter langes Rohr. Sie musste nicht fragen, was das war. Sie erkannte es sofort aus ihrer Ausbildung. Ein Granatwerfer. Einer der höchst entwickelten aus der Zeit vor dem Weißen Licht. Eine Mordmaschine sondergleichen.
Am Ende des Rohrs war ein Abzug mit einer sieben Zentimeter langen Ladevorrichtung befestigt. In dieser Vorrichtung ruhten die Granaten, zehn Stück, jede mit einer Sprengkraft die die Raketen aus Auts Werfer wie Spielzeug aussehen ließ. Am gleichen Ende befand sich auch die Zielvorrichtung, ein kleiner ausklappbarer Monitor, mit allerlei Knöpfen, die von ihren Ausbildern keiner hatte erklären können. Aber sie glaubte nicht, dass 39 so eine Waffe tragen würde, wenn er nicht genau wüsste, wie er damit umzugehen hat.
"Woher hast du den?"
Er drehte sich langsam zu ihr um und nun war sie sich sicher, Besorgnis in seiner Stimme gehört zu haben, sein Gesicht bestand quasi aus nichts anderem mehr.
"Von Ilef.", er sah die beiden an und setzt sich auch den Boden, "Setzt euch bitte, ich denke, es wird Zeit, dass ihr erfahrt, was uns an unserem Ziel erwartet. Ich kann mich nicht an alles erinnern, aber an ein paar Dinge und die solltet ihr wissen."
Seine Erklärung dauerte ungefähr zwanzig Minuten, aber Terry kamen diese Minuten wie Stunden vor. Nicht nur, wegen dem was er erzählte, sondern weil ihr am Ende wieder schlecht wurde und sie versuchte durchzuhalten, da sie genau wusste, er würde es nur einmal erzählen.
Am Ende sprang sie auf, rannte so schnell sie konnte in den Wagen zurück, riss die Toilettentür auf und übergab sich. Als sie fertig war und noch immer über der Toilettenschüssel hing spürte sie eine sanfte Hand auf ihrer rechten Schulter.
Terry legte ihre Linke auf die Hand, richtete sich langsam auf und drehte sich um. Es war nicht 39, der da stand und sie mit sanften, mitleidigen Augen ansah, das hatte sie schon daran erkannt, dass die Hand so schmal und zart war.
Julie umarmte sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr:
"Alles wird wieder gut, alles wird wieder gut."
So standen die beiden ungefähr zehn Minuten in der Toilettentür, Terry weinend, während Julie ihr sanft über den Hinterkopf strich.
Er näherte sich, langsam über den Boden kriechend, dem Bunkereingang. Der Bunker befand sich in einer zwölf Meter tiefen und fünfunddreißig Meter durchmessenden Grube. Trotzdem standen noch immer zwanzig Meter massive Mauern über den Grubenrand hinaus. Einige Meter rechts von 39 befand sich ein Fahrstuhl, mit dem Fahrzeuge und Personen nach unten befördert werden konnten.
Früher hatten sich automatische Verteidigungsanlagen am Rand der Grube befunden, aber sie waren entweder zerstört oder außer Funktion. 39 wusste nicht, was von beidem stimmte, er wusste nur, er müsste sich keine Sorgen machen, zumindest um den äußeren Ring. Für den inneren sah das schon wieder anders aus.
Der innere Verteidigungsring bestand nicht aus stationären Geschützen und er war auch keineswegs außer Funktion.
Am Boden der Grube, vor dem aus zwei schweren Metallflügeln bestehenden Tor, bewegte sie sich. Eine einen Meter fünfzig große, vierbeinige Maschine.
"Was haben Sie?", fragte er noch einmal entgeistert.
Es fiel Doktor Fum schwer, seine Wut unter Kontrolle zu halten. Er hatte gedacht, es ginge um Fortschritte im Projekt Prometheus stattdessen stand ein einen Meter fünfzig großer Verteidigungsroboter der M-Serie vor ihm.
"Wir haben die Probleme mit dem Gleichgewichtssystem gelöst. Der M-33-Prototyp ist nun in der Lage auch schwerem Beschuss standzuhalten ohne umzukippen und darüber hinaus…"
Jetzt konnte er sich nicht mehr halten, er rammte seiner Forschungsleiterin seine Faust in den Magen und sah mit Befriedigung, wie sie sich krümmte.
"Es interessiert mich nicht, was die M-Serie macht, haben sie mich verstanden? Ich bin einzig am Projekt Prometheus interessiert."
"Ja - Doktor.", brachte sie keuchend heraus, "Trotzdem sollte sie das interessieren.", sie holte noch einmal tief Luft, "Der Rat hat angeordnet, dass wir mit der Massenproduktion von M-Modellen beginnen sollen, sobald das Gleichgewichtsproblem gelöst ist."
Langsam nahm 39 den Granatwerfer vom Rücken. Er hätte nur einen Versuch, danach würde der M-34 ihn in einen Haufen totes Fleisch verwandeln.
Aber wenn ich ihn vorher ausschalte...
Er klappte den Monitor an der Seite aus und schob den Werfer langsam über den Rand der Grube. Auf dem Monitor konnte er den M-34 beobachten. Er drückte einen der Knöpfe über dem Monitor und gab danach einen Freigabecode ein, der das Zielsystem aktivierte. Auf dem Monitor tauchte ein kleines Fadenkreuz auf, das sich selbstständig über den Roboter legte und die dünne Spurrille zwischen den Beinen und dem runden Rumpf markierte, die einzige Schwachstelle der Maschine. Aus dem Werfer ertönte ein dumpfes Ploppen als 39 den Abzug drückte. Der M-34 schwenkte sofort seinen Torso zwischen den Beinen herum, in 39s Richtung - und führte damit seine Zerstörung herbei. Mit der Drehung des Torsos drehte er die, in der Spurrille liegende, selbsthaftende Granate, gegen sein Hüftgelenk. Der Druck der dadurch auf die Granate ausgeübt wurde brachte sie zur Explosion, riss das Bein ab und stanzte ein faustgroßes Loch in die Panzerung. Ohne sein viertes Bein konnte der Roboter die Wucht der Explosion nicht kompensieren und wurde auf den Boden geworfen.
Sofort feuerte 39 eine weitere Granate hinterher. Die Granate drang in das eben entstandene Loch ein und explodierte im Inneren der Maschine. Ohne den Druck, den das Bein auf die Granate ausgeübt hatte, reichte ihre Energie nicht, um den Roboter zu zerfetzen, oder auch nur eine Delle in die Panzerung zu schlagen, aber sein Inneres wurde vollständig zerstört.
39 stand auf und winkte Terry und Julie, die einige Meter weiter hinten geblieben waren, zu sich heran. Sie gingen zum Fahrstuhl und fuhren nach unten in die Grube.
Julie traute ihren Augen nicht als sie aus dem Fahrstuhl stiegen. Nur wenige Meter vor ihr lag eine Maschine, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Drei Beine gingen von einem runden, wie zwei übereinander liegende Untertassen wirkenden Rumpf weg. Auf dem Rücken der Maschine waren zwei Raketenwerfer befestigt, die sich scheinbar nach oben ausgerichtet hatten.
Es hat damit versucht auf ihn zu zielen, bevor er es zerstört hat.
An jedem der drei Beine war etwas befestigt, was fast wie ein Maschinengewehr aussah, aber es hatte mehrere, kreisförmig angeordnete Läufe. Das vierte Bein der Maschine, oder was sie davon noch erkennen konnte, hatte sich in die Grubenwand gebohrt.
Er hatte sie gewarnt, dass sie hier Maschinen treffen würden, die er M-Serie nannte und diese hier schien dazu zu gehören.
Wie konnte er so etwas nur besiegen?
"Julie, beweg dich, bevor hier noch mehr davon auftauchen!"
39 und Terry waren weiter gegangen und standen schon am Tor. Sie hatten sich zu ihr umgedreht, sein linker Arm umschlang Terry an der Hüfte, mit dem rechten winkte er Julie, immer noch den Granatwerfer haltend, ungeduldig heran. Sie rannte zu den beiden rüber. Als sie bei ihnen war ließ 39 Terry los und tippte irgendetwas in eine Tafel am Tor ein, woraufhin sich eine kleine Tür im rechten Flügel öffnete. Vorsichtig betraten sie den Bunker.
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