Charles hatte den Wagen gut wieder hin bekommen. Ursprünglich hatte er dafür zwei Monate angesetzt, aber er hatte die benötigten Teile bereits nach 2 Wochen gefunden gehabt. Die Reparatur hatte dann nur zwei Tage gedauert.
Wenn man Charles glauben konnte, würde der Wagen die hohen Temperaturen des Weißen Landes diesmal sogar ohne Probleme durchstehen, soweit 39 ihn verstanden hatte, hatte er das Kühlsystem des Wagens durch ein moderneres ersetzt. Er behauptete es wäre eine der größten Erfindungen der Zeit vor dem Weißen Licht gewesen, aber 39 hatte seine Zweifel. Er war sich sicher einer der größten Erfindungen noch zu begegnen. Er wusste nicht woher, aber das war bei vielem so, er wusste es einfach.
Über Doktor Paeter hatte 39 erfahren, dass eine Wagenkolonne auf dem Weg zur Stadt war und mittlerweile nur noch drei Tage brauchen dürfte, wenn sie in der derzeitigen Geschwindigkeit weiterfahren würde. Er war sich sicher, dass es sich dabei um Shane handelte, die endlich doch noch auf seine Spur gekommen war.
Bisher hatte er Terry noch nichts davon erzählt, aber jetzt würde er müssen. Denn sie würden später zur Stadt zurückkehren, aber wenn Shane hier so einfach hineinkam, wäre nichts mehr von der Stadt übrig, wohin sie zurückkehren könnten.
Ich weiß nur nicht, ob wir hier etwas ausrichten können, selbst mit dem Material das ich von Ilef erhalten habe.
Wenn er jetzt fliehen würde, würden sie Shane weiter voraus bleiben, wenn sie warteten konnten sie sterben.
Und dann würde ich mein Ziel nicht erreichen.
Das besiegelte die Entscheidung. Er würde Terry nichts sagen und sie würden weiterfahren. Sollte Ilef selbst sehen, wie er damit fertig würde. Er nahm sich lediglich vor, Doktor Paeter zu warnen, das war er ihm schuldig.
"Doktor?"
39 suchte Doktor Paeter nun seit zwei Stunden, hatte ihn aber noch nicht gefunden. Eigentlich hätte er im Krankenhaus sein müssen, doch dort war er nicht. Jetzt befand er sich in der Hütte des Doktors, aber auch dort schien er nicht zu sein.
"Doktor?", lauter diesmal.
Er seufzte und verließ die Hütte. Wenn der Doktor nicht im Krankenhaus oder bei sich zu Hause war, wo konnte er dann sein? 39 wusste es nicht und er hatte auch keine Zeit, die ganze Stadt zu durchsuchen. Die einzigen Leute, die nicht vor ihm auf den Boden fielen, wenn er sie ansprach waren Ilef und Doktor Paeter.
Vergiss Julie nicht.
Richtig, Julie. Das Mädchen, dem er eine Vergewaltigung von Ilef erspart hatte, soweit er wusste aber nicht die erste. Seit er sie bei Ilef gesehen hatte, war sie verschwunden. Niemand wusste, wo sie war.
Er entschied nicht weiter nach dem Doktor zu suchen, sondern zu Terry zu gehen. In den letzten Tagen hatten sie sich nur selten gesehen, Terry übte die meiste Zeit das Schießen und 39 war mit dem Zusammentragen des Materials von Ilef beschäftigt. Wenn sie sich dann doch mal sahen, waren sie entweder in der Öffentlichkeit oder Terry war zu erschöpft, um auf sein Verlangen einzugehen. Aber wenn er zu ihr auf den Schießstand ging... Für gewöhnlich befand sich dort nur Terry, sie könnten sich in Ruhe und ungestört lieben.
Als er auf dem Schießstand ankam war dort niemand. Auch Terry nicht
.
Sie hat doch aber das Gewehr mitgenommen. Wo ist sie dann hin?
Die Lösung traf ihn wie ein Schlag: Ilef. Terry war bei Ilef und Doktor Paeter war sicher auch dort. Er rannte los. Wenn Terry tatsächlich getan hatte, was 39 vermutete, steckten sie in ernsten Schwierigkeiten.
Er bog um die Ecke, die ihn auf den Weg grad zu Ilefs Haus brachte und wusste, dass er Recht gehabt hatte. Die beiden Wachen lagen tot vor dem Tor. Er rannte schneller. Beim Tor angekommen griff er sich die beiden Leichen, hob sie auf und trug sie ins Haus. 39 hoffte, dass noch niemand die Leichen gesehen oder die Schüsse gehört hatte.
Seine Hoffnung wurde zerstört, als er im Haus ankam. Die Eingangshalle wurde von mindestens zwanzig Leuten blockiert. Drei weitere lagen tot auf der Treppe in den ersten Stock. Zwei von ihnen ganz unten einer oben, Ilef.
Niemand hatte sein Eintreten bemerkt. Die beiden Leichen auf seinen Schultern trug er schnell wieder raus und versteckte sie neben dem Haus. Dann betrat er das Gebäude wieder. Terry stand im ersten Stock. Ihr Gewehr auf die Leute in der Eingangshalle gerichtet. Neben ihr stand Julie und weinte. Aber es waren eindeutig keine Tränen der Trauer. In der Hand hielt sie einen Revolver, der locker gegen ihr linkes Knie schlug. Keinen so großen, wie 39 sie trug, aber auch ein kleiner Revolver reichte, um Menschen zu töten.
"Terry, bitte lass mich zu ihm. Noch ist er nicht tot."
Das war Doktor Paeter. Er schien vor der Menge zu stehen und sprach mit Terry.
"Nein, niemand geht zu ihm.", Ihre Stimme bebte förmlich vor Hass, "Er muss sterben, für das was er Julie angetan hat." Sie spuckte auf Ilef, der sich beim Auftreffen der Flüssigkeit leicht regte.
Also lebt er doch noch.
Noch immer hatte niemand das Eintreten von 39 bemerkt und er hatte auch nicht vor, dies zu ändern. Langsam schlich er hinter der Menge entlang und betrat einen der Nebenräume. Von seinen letzten Besuchen wusste er, dass der Raum mit dem weiter vorne verbunden war. Er würde so an den Leuten vorbeikommen, ohne durch sie hindurch zu müssen. Sie würden ansonsten womöglich versuchen, ihn zu töten. Immerhin gehörte Terry zu ihm.
Er verließ den vorderen Raum und ging die Treppe hinauf. Julie hob ihren Revolver aber Terry war schneller, legte ihre Hand auf die von Julie und schüttelte den Kopf als diese sie ansah.
"Er wird uns helfen.", flüsterte sie ihr zu.
39 war sich sicher, dass das außer ihm und Julie niemand gehört hatte, es war zu leise gewesen.
Das Mädchen sah sie zuerst verwirrt an, dann wieder 39 und er sah, dass sie ihn erkannte.
Gut.
Er war sich nicht sicher, ob Terrys Hinweis gereicht hätte, er hatte so ein Gefühl, dass nicht Terry, die beiden Personen, ein Mann und eine Frau, erschossen hatte. Die drei leeren Trommellager, die er im Revolver sehen konnte, bestätigten seine Vermutung. Als er an den beiden vorbeiging konnte er einen kurzen Blick auf die Gesichter werfen, die auf der Treppe lagen, bisher hatte er nur die Hinterköpfe gesehen. Was er sah, ließ ihn einen Moment stehen bleiben. Er kannte die Gesichter. Er hatte sie gesehen, als er nach Julie gesucht hatte, nach dem Vorfall bei Ilef. Es waren die Gesichter ihrer Eltern.
Als er oben ankam fing er an, leise mit Terry zu reden.
"Was ist hier passiert?"
"Wir haben Efil erschossen. Er musste für die Vergewaltigungen an uns bezahlen."
Es fiel ihr immer noch schwer, die beiden auseinander zu halten.
Aber wieso Vergewaltigungen an uns? Ilef hatte doch nur Julie...
Es dämmerte ihm.
"Efil hat dich vergewaltigt. Kurz bevor du zu mir kamst und wir unsere Flucht planten, richtig?"
Sie nickte stumm.
"Wieso hast du mir das nie erzählt?"
"Ich habe mich geschämt, aber jetzt hat er dafür bezahlt genau wie für die Vergewaltigungen an Julie."
"Und meine Eltern dafür, dass sie mich immer wieder zu ihm geschickt haben.", es war das erste Mal, dass er Julies Stimme hörte.
Hinter der Menge sah 39 etwas Metallisches aufblitzen, ohne sich umzudrehen zog er einen der Revolver mit der rechten Hand und drückte ab. Er hörte einen Knall und einen Schmerzensschrei. Das Gewehr, das Aut in der Hand gehalten hatte fiel zu Boden. Es war nutzlos, 39 hatte es genau unterhalb des Schlagbolzens getroffen. Die Menge wurde lauter, wütender. Sie dachten er hätte noch jemanden erschossen. Aber niemand traute sich die Treppe hinauf. Hätten dort nur Terry und Julie gestanden, hätten sie es sich vermutlich jetzt, in ihrer noch gesteigerten Wut, getraut, aber es rührte sich niemand. Sie hatten Angst vor 39. Alle außer Doktor Paeter. Er trat langsam zur Treppe und fing an sie hinaufzugehen.
"Ich will nur nach Ilef sehen. Bitte. Vielleicht kann ich ihm noch helfen."
Doktor Paeter war nie ein Freund von Ilef gewesen, aber er war Arzt und als solcher, würde er einem Verletzten immer helfen.
"Sie können ihm nicht mehr helfen, Doktor. Die Treffer töten ihn nicht sofort, aber sie töten ihn."
Beide Treffer waren in Ilefs Bauch gegangen. In der Zeit vor dem Weißen Land hätte man ihm vermutlich helfen können, aber nicht mehr heute. Das Wissen dazu war entweder verloren, oder die benötigten Maschinen nicht mehr in Ordnung. Egal was von beidem zutraf, Ilef würde sterben.
"Dann lasst mich wenigstens den Verband entfernen."
"Nein, niemals.", Terrys Stimme ließ keine Widerrede zu. "Er soll leiden, so wie wir leiden mussten."
Terry oder Julie hatten Ilef einen Verband um den Bauch gelegt, um die Blutung zu verlangsamen. Das würde sie nicht stoppen, aber seinen Tod hinauszögern und ihm grauenhafte Schmerzen bereiten. Er zog langsam den Revolver, mit dem er auch auf das Gewehr geschossen hatte. Die Kammer hatte er bereits nachgeladen. Er richtete den lauf auf Ilef und drückte ab. Der Schuss traf ihn genau in der Brust. Ilef war sofort tot.
"NEIN."
Terry drehte sich zu ihm um, ließ das Gewehr fallen und schlug mit ihren Fäusten auf 39s Brust ein.
"Er sollte leiden... er sollte leiden.", ihre Stimme verging in einem Heulen als er seine Arme um sie schlang. Den Revolver bereits wieder im Gürtel steckend, diesmal ohne nachgeladen zu haben.
Doktor Paeter sah ihn zuerst schockiert an, dann nickte er. Auch ihm war klar, dass Ilef sonst noch Stunden hätte daliegen können ohne zu sterben.
Aut dagegen schien das nicht klar zu sein. Er presste sich durch die Menge immer wieder "Mörder" schreiend. Die Leute ließen ihn nicht durch, es war kein Platz, den sie ihm hätten machen können. Stattdessen ließen sie sich von ihm anstecken. Mehr Leute fingen an, sich nach vorne zu pressen. Erst einer, dann drei, dann acht und kurz darauf alle. Diesmal konnte sie auch die Angst vor 39 nicht stoppen, sie wollten Rache.
Ohne nachzudenken stieß 39 Terry von sich weg. Sie sah ihn nur verwirrt an, er bezweifelte, dass sie wusste was passierte. Julie stand da und starrte die Leiche Ilefs an. Nachdem er Terry losgelassen hatte, drehte sie sich zu ihr und hielt sich an ihr fest.
Das ganze hatte weniger als eine Sekunde gekostet und 39 hatte bereits beide Revolver in den Händen. Fünfzehn Schuss befanden sich in den Trommeln. Als die Menge die Treppe erreichte waren es nur noch zehn, auf der Mitte der Treppe fünf und es wären null gewesen, wenn sie den Treppenabsatz erreichen, aber sie kamen nie so weit. Nachdem 39 zwölf Leute erschossen hatte stolperten die Nachfolgenden über die Leichen und fielen die Treppe wieder herunter. Zwei schienen sich beim Sturz über die Treppe das Genick gebrochen zu haben. Die restlichen sechs wollten die Treppe wieder hinaufstürmen, aber Aut hielt sie ab. Trotz seines Anfalls nur wenige Sekunden vorher, war ihm klar, dass sie zu sechst niemals die Treppe heraufkommen würden. Er leitete die Leute aus dem Haus, sie waren zu geschockt, um sich dagegen zu wehren. Nachdem sie draußen waren drehte er sich noch einmal um.
"Dafür werdet ihr bezahlen, das verspreche ich."
Mit diesen Worten zog er die Haustür hinter sich zu.
Doktor Paeter, der während der kurzen Zeit des Mordens zugesehen hatte und immer blasser geworden war, sah 39 nun in die Augen.
"W-warum?", brachte er hervor, dann übergab er sich auf Ilefs Leichnam.
"Wenn sie hier herauf gekommen wären, hätten sie uns getötet."
Er tippte Terry auf die Schulter und bedeutete ihr, ihm zusammen mit Julie zu folgen als er die Treppe hinunterging. Vor Doktor Paeter blieb er noch einmal stehen.
"Es sind Männer auf dem Weg hierher, vermutlich angeführt von einer Frau. Wenn sie die Stadt erreichen werden sie jeden töten, der sich hier aufhält. Ich würde Ihnen raten die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen."
Dann ging er, über die Leichen kletternd, weiter nach unten. An der Tür drehte er sich um und sah nach Terry und Julie, Doktor Paeter stand noch immer dort, wo er vorher gestanden hatte, die beiden stiegen grade, sich immer noch festhaltend, über die Leichen von Julies Eltern. Julie blieb kurz stehen, sah die beiden an und spuckte ihnen auf die Hinterköpfe.
Vor der Haustür blieb er noch einmal stehen und sah Julie und Terry an.
„Woher habt ihr die Waffen?“, nicht nur Julie hatte einen neuen Revolver, Terry trug zwei halbautomatische Pistolen um die Hüften.
Aber er hätte nicht zu fragen brauchen, er kannte die Antwort, kaum dass die Worte seinen Mund verlassen hatten.
„Aus der Waffenkammer.“, antwortete Julie, bevor Terry den Mund öffnen konnte.
„Und wie seid ihr dort rein gekommen?“, das war die wirklich wichtige Frage. Wenn sie eingebrochen waren, hatten die Drei vielleicht eine Chance, wenn sie allerdings die Wachen getötet hatten, wäre es ein leichtes für die Leute die ganze Stadt schnell zu bewaffnen.
Julies leuchtende Augen verrieten ihm die Antwort, bevor sie es aussprach. „Terry hat die Wachmänner erschossen.“
„Okay, jetzt hört mir zu. Terry, lass das Gewehr hier liegen, wir müssen uns beeilen, es behindert dich nur. Benutz die Pistolen und denke nicht nach, bevor du schießt. Einfach abdrücken. Julie, für dich gilt das gleiche. Erst schießen, dann denken. Wir haben keine Zeit dafür, wenn wir hier lebend raus wollen.“, beide nickten stumm, „Wir haben es vermutlich mit der ganzen Stadt zu tun und dadurch, dass ihr die Wachen an der Waffenkammer getötet habt, werden die meisten bewaffnet sein.“, wieder nur ein stummes Nicken.
Er drehte seinen Kopf wieder in Richtung Treppe.
„Doktor, wenn Sie mit uns mit wollen...“
„Nein, ich bleibe. Irgendwer muss sich schließlich um die Leute kümmern oder zumindest ihre Kinder, denn mehr werdet ihr nicht übrig lassen, oder?“, aus seiner Stimme schwang Verachtung.
„Nein, vermutlich nicht.“
Er wandte sich wieder Terry und Julie zu.
„Bleibt dicht hinter mir!“, mit diesen Worten drehte er sich um, zog die Haustüren auf und machte sich auf den Weg.
Vor dem Haus war es leer. Er rannte um es herum, zu den beiden Leichen. Sie lagen noch genau dort, wo er sie liegengelassen hatte. Zusammen mit ihren Waffen.
„Wenigstens haben sie die Waffen nicht bekommen, das verschafft uns ein paar Minuten. Lasst uns von hier verschwinden.“
„Wohin? Wir können uns nicht in der Stadt verstecken.“, Julie klang verängstigt.
Aber da war noch etwas in ihrer Stimme.
39 verwarf den Gedanken wieder, er hatte wichtigeres zu tun, als sich um die Angst einer fünfzehnjährigen zu kümmern. Er setzte sich in Bewegung.
Durch das Tor hindurch und auf gradem Weg zu ihrem Wagen.
Sie kamen nur fünfzig Meter weit bevor das Feuer begann.
Es waren zehn Meter bis zum ersten Haus, weitere fünf war es lang. Dahinter bogen sie in die engen Gassen ein. 39 hoffte die Stadtbewohner so umgehen zu können. Er gestattete sich ein Lächeln.
„An der nächsten Möglichkeit biegen wir nach links ab, dann sollten wir weit genug sein, um sie zu umgehen.“, trotz des Rennens ging sein Atem normal schnell und er musste sich nicht anstrengen, damit Terry und Julie ihn hörten.
Nach fünfunddreißig Metern kam die nächste Möglichkeit nach links zu gehen. Er bog um die Ecke.
Vor ihm standen fünf Männer mit Gewehren in den Händen. Ohne nachzudenken drehte er sich um die eigene Achse, griff nach Terry und Julie, die grade hinter ihm um die Ecke kamen, und schubste sie die Straße weiter auf der sie zuvor gelaufen waren. Dann sprang er, zog in der Luft seine Revolver, drehte sich – und wurde von einem schweren Schlag in die linke Schulter getroffen.
Sie explodierte förmlich mit Schmerz. Der Stoß versetzte seinem Sprung eine noch stärkere Drehung, aber bevor er die Kontrolle verlor riss er seinen rechten Arm hoch und schoss. Eine Kugel traf den Schützen zwischen die Augen und ließ seinen Kopf explodieren. Er traf unsamt mit der linken Schulter auf den Boden auf und hörte vier weitere Schüsse, einer verfehlte nur knapp seinen Kopf, wo der Rest hinging wusste er nicht.
Zwei schwarze Stiefel traten vor sein Gesicht. Er hob den rechten Arm und die Waffe, die sich darin befand. Bevor er den Arm auch nur halb gehoben hatte donnerten vier weitere Schüsse durch die enge Gasse. Sie waren leiser gewesen als die Gewehrschüsse und die Schmerzensschreie, die ihnen folgten waren nicht die von Terry oder Julie. Es waren männliche Stimmen.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Julie, als er den Kopf leicht drehte konnte er Terry neben ihr sehen, beide mit gezogenen Waffen.
Terry half ihm auf die Beine.
„Als ich dich hab fallen sehen... Ich dachte...“, sie sprach keinen der Sätze zu Ende sondern küsste ihn.
Er zog sich schnell wieder von ihr zurück.
„Wir müssen weiter.“
„Was ist mit deiner Schulter?“
„Sie ist doch noch dran, oder? Nimm dir den Revolver, ich kann ihn jetzt eh nicht benutzen.“
Sie griff sich den Revolver aus seiner linken. Er hatte ihn trotz der Schmerzen nicht losgelassen.
Es gehört nicht zu deiner Ausbildung, eine Waffe fallen zu lassen, da war die Stimme wieder, und sie klang seiner ähnlicher als jeh zuvor.
Was für eine Ausbildung?
Die Stimme schwieg.
Er rannte wieder los, ohne weiter auf seine Schulter zu achten. Ohne das Verbandsmaterial im Wagen konnten sie eh nichts tun.
Auf dem Weg zum Wagen begegneten ihnen nur noch einzelne Angreifer, maximal zu zweit. Keiner schaffte es, auch nur einen Schuss abzugeben. Sie stiegen hastig durch den Hintereingang in das Wohnmobil.
„Terry, du gehst nach vorne und bringst uns aus der Stadt. Julie, du kommst mit mir nach hinten und hilfst mir, einen Verband um meine Schulter zu legen.“
Er setzte sich auf das Bett und zog sich vorsichtig das T-Shirt aus.
„Julie, gib mir bitte da links den Verband und die braune Dose raus.“
Nachdem keine Reaktion erfolgte, blickte er auf. Julie stand vor ihm, mit Schock in den Augen und erhobenem Revolver.
„Ich tue dir nichts. Ich bin nicht Ilef.“, seine Stimme klang weich und sanft, „Du sollst mir lediglich helfen, einen Verband um meine Schulter zu legen, danach ziehe ich mich wieder an.“
Sie ließ langsam den Revolver sinken und half ihm, den Verband anzulegen und etwas Salbe auf die Wunde zu schmieren. Er hatte sich von Doktor Paeter vorsorglich einige Salben und Medikamente in den Wagen packen lassen.
Sie blieben ruckartig stehen.
„39, komm schnell nach vorne. Wir haben hier ein Problem.“
Er ging schnell nach vorne, zu Terry und sah hinaus. Was er sah, ließ ihm den Atem gefrieren.
Beide verließen den Wagen langsam durch die Fahrertür.
„Und nun? Was willst du, Aut?“, seine Stime klang sanft, beinahe mitfühlend.
„Seinen Tod, Arschloch!“
Der Raketenwerfer auf Auts Schulter hatte mit 39 und Terry mitgeschwänkt, nun zeigte er auf 39s Brust.
„Du hast alles zerstört. Wie konntest du es wagen?“, Auts Stimme zitterte vor Wut und brach mehrmals beim Sprechen, „Alles lief so gut, doch dann kamst du. Und Ilef fiel diese dämliche Prophezeiung wieder ein.“
39 sagte kein Wort, um ihn nicht noch wütender zu machen.
„Das war meine Stadt. ICH habe alles kontrolliert. Ilef war doch gar nicht fähig dazu, viel zu abgelenkt durch Julie die kleine Nutte. Aber jetzt?
Niemand wird auf mich hören. Du hast alles runiert.“, mit jedem Wort hatte sich mehr Wut in seine Stimme gestohlen.
Aber noch immer sagte 39 kein Wort.
Seine rechte Hand hatte sich während Auts Rede unmerklich in Richtung des Revolvers an seiner Hüfte bewegt.
Auts Finger schlossen sich um den Feuerknopf des Raketenwerfers.
„Und jetzt wirst du zahlen!“
Ein lauter Knall zerriss die Luft.
Terry folgte 39 aus dem Wagen. Sie hörte wie die beiden miteinander sprachen, aber verstand kein Wort. Alles, was sie beschäftigte, war der Raketenwerfer auf Auts Schulter.
Ich werde hier sterben. Oh Gott... bitte nicht.
So schnell 39 auch war, er konnte niemals rechtzeitig schießen und dann noch der Rakete ausweichen. Sie würde ihn erfassen und die Explosion würde sie beide töten.
Sie kannte den Raketenwerfertyp auf Auts Schulter. Im Komplex hatten sie so einen gehabt. Das Abfeuern würde einen Knall verursachen, dann würde die Rakete auf sie zukommen und sie schlussendlich beide mit ihrer Explosion töten. In einem Umkreis von zehn Metern würde nichts überleben. Nicht einmal 39 war so einer Explosion gewachsen.
Sie bemerkte, dass der Wagen sich jetzt weiter rechts von ihnen befand, fast schon vor ihnen, dann hörte sie einen lauten Knall und konnte sehen, wie sich eine Rakete aus dem Werfer löste.
Julie war auf dem Bett geblieben und hatte sich den 2. Revolver von 39 genommen, der noch auf dem Tisch lag. Die Waffe war schwer, viel schwerer als der Revolver, den sie von Terry bekommen hatte, und sie brauchte beide Hände um sie heben. Vorne verließen 39 und Terry den Wagen.
Sie achtete nicht weiter auf die beiden, der Revolver war interessanter. Er verlieh ihr ein Gefühl von Macht und Stärke, das sie nicht kannte. Ihr Leben lang war sie unterdrückt und missbraucht worden. Erst von ihrem Vater und als sich dann mit zwölf ihre Brüste abzeichneten von Ilef. Jetzt waren beide tot und in ihrer Hand hielt sie eine Waffe, die ihres Gleichen suchte. Als sie den Revolver von Terry bekommen hatte, hatte sie sich stark gefühlt, die Macht die sie jetzt fühlte, war berauschend.
Jetzt hörte sie von draußen Stimmen hereinschallen, aber noch immer war der Revolver interessanter. Die Stimmen wurden lauter, wütender, aber noch immer interessierte sie sich nicht für sie. Bis sie ihren Namen hörte.
Ich bin keine Nutte, die ganze Verzweiflung brach wieder über ihr zusammen. Aber diesmal war sie bewaffnet.
Sie stand auf und verließ den Wagen durch die hintere Tür. Langsam ging sie um das Wohnmobil herum. Vor ihr stand Aut, Aut der sie immer wieder zu Ilef gebracht hatte. Aut der sich auf dem Weg zu ihm oft genug selbst an ihr vergangen hatte. Aut. Und er zielte mit einem Raketenwerfer auf die einzigen beiden Menschen, die ihr geholfen hatten.
Sie hob langsam den Revolver, zielte und drückte ab, der Knall war enorm und der Rückstoß ließ sie rückwärts taumeln.
Gleichzeitig drückte Aut den Feuerknopf an der Seite des Raketenwerfers.
Die Kugel zerschmetterte ihm das Rückrat und jagte einen Ruck durch seinen Körper, der den Werfer weit genug nach oben zeigen ließ damit die Rakete 39 und Terry verfehlte. Sie stieß dreißig Meter weiter durch ein Fenster und explodierte im Inneren des Gebäudes. Wandteile lösten sich und wurden auf sie zugeschleudert, aber bevor die Bruchstücke bei ihr ankamen griff sie ein Arm um die Hüfte und zog sie hinter das Wohnmobil.
Das Wohnmobil schüttelte sich hinter ihnen und die Scheiben zerbrachen als sie von Bruchstücken getroffen wurden. Aber kein Stein traf die drei hinter den Wagen.
Nachdem der Steinregen verebbt war stand 39 auf und lief vorsichtig um den Wagen herum. Auts Leiche war zerschmettert worden. Dutzende größerer und kleinerer Steinsplitter hatten seinen Körper zerdrückt und durchlöchert.
Er sah kurz auf den Raketenwerfer, der aber nicht mehr zu gebrauchen war. Er war an mehreren Stellen eingedrückt. Sie hatten Glück gehabt, dass die Steine die Treibstoffzellen für die zweite Rakete nicht getroffen hatten, aber er beschloss, das für sich zu behalten.
Dem Wohnmobil war es deutlich besser ergangen. Beinahe sämtliche Scheiben waren geplatzt, nur die Frontscheibe und Heckscheibe waren noch unversehrt, aber das Metall hatte den meisten Bruchstücken stand gehalten, bis auf drei, nicht sonderlich große, Beulen war er ansonsten unversehrt.
Das Modell ist Steinschlagsicher.
Er hatte keine Ahnung, woher er das wusste, aber er hatte gelernt solches Wissen einfach hinzunehmen.
Er öffnete vorsichtig die Fahrertür, falls Steine hinausfallen würden, die durch das Fenster hinein gekommen waren. Bis auf einige Kiesel fiel jedoch nichts heraus. Vorsichtig betrat 39 die Fahrerkabine. Das Lenkrad war fast abgerissen worden, hielt aber noch. Die Amarturen waren unbeschädigt. Auf dem Fahrersitz lag ein größerer Brocken, der wahrscheinlich das Lenkrad so zugerichtet hatte, er hob ihn mit seinem gesunden Arm hoch und warf ihn hinaus. Der Sitz war eingedrückt und der schwarze Lederüberzug zerissen.
Er ging nach hinten und öffnete die Seitentür für Terry und Julie. Hinten im Wagen sah es noch chaotischer aus als vorne. Beide Fenster waren zerschlagen und dutzende kleinerer Steine hatten die Inneneinrichtung beschädigt. Zwei größere hatten den Tisch getroffen und aus der Fassung gerissen.
„Räumt hier hinten auf, ich bring den Wagen zur Werkstatt. Vielleicht finden wir da genügend Teile um alles wieder halbwegs zu reparieren. Oder zumindest genug Werkzeug, um einen neuen Fahrersitz anzubringen.“
Terry nickte nur stumm. Sie war immer noch geistig abwesend. Julie hatte sich schneller erholt.
„Sind wir deine Putzfrauen?“, herrschte sie 39 an.
Er war schon wieder auf dem Weg nach vorne gewesen, blieb nun jedoch stehen, drehte sich aber nicht um.
„Wenn du nicht zufällig gelernt hat, einen Wagen mit kaputtem Lenkrad zu fahren - ja.“
In der Werkstatt fanden sie tatsächlich genügend Teile, um einen neuen Tisch zu bauen und den Fahrersitz zumindest durch den Beifarersitz zu ersetzen. Das war auch dringend nötig. Auf dem Weg zur Werkstatt war die Rückenlehne beinahe abgerissen unter 39s Gewicht, weshalb er sich nicht ein zweites Mal angelehnt hatte. Längere Fahrten waren so unmöglich. Das Lenkrad war auch schnell durch ein neues ausgetauscht, das Charles in einer Kiste aufbewahrt hatte. Charles selber war nicht hier, und auch sonst niemand. Julie stand Wache an der Tür des Gebäudes.
Nachdem sie weg war, hatte Terry sich ausgezogen und 39 zum Bett geführt, wo sie sich heftig geliebt hatten. Er fragte sie nicht, woher diese plötzliche Lust kam, hatte aber das Gefühl es zu wissen. Sie brauchte eine Bestätigung, dass sie noch lebte. Danach hatten sie begonnen die Reparaturen vorzunehmen.
Sie waren damit fast fertig als Julie in den Wagen platzte.
„Sie kommen. Charles und seine beiden Gehilfen. Sie haben Gewehre bei sich.“
„Okay. Terry? Schnapp dir das Klebeband und die Folie hinten auf dem Werkstatttisch und kleb damit sauber die Fenster ab. Julie, du hilfst ihr.“
„Und du?“
„Ich sorge dafür, dass die Tür nachgibt, wenn wir hindurchfahren.“
Er verschwand in Richtugn der Türen und löste die Schaniere. Sie ruckten kurz in ihrer Verankerung, fielen aber nicht herunter.
Ich hoffe, das reicht.
Terry und Julie klebten grade die letzten beiden Fenster zu, als er wieder am Wagen ankam.
„Gut. Lasst uns von hier verschwinden.“
Er öffnete die Türen und lotste die beiden hinein.
„Denkt dran euch anzuschnallen, es wird holprig.“
Er startete den Motor und fuhr los, das Gaspedal so weit durchgetreten, wie es ging. Sie trafen auf die Türen. Das dünne, nur noch lose in den Schanieren hängende Sperrholz gab problemlos nach. Die linke Tür riss heraus und wurde nach links hinausgeschleudert, die rechte nach vorne. Sie traf den linken von Charles Begleitern am Kopf. Er war sofort tot. Die anderen beiden sahen zu, wie das Wohnmobil über die Leiche des Mannes fuhr und hinter der nächsten Ecke verschwand.
39 wusste nun, wo er hin wollte. Es war ihm wieder eingefallen als er am Wagen gearbeitet hatte. Er konnte sich nicht an alles erinnern, aber er wusste den Weg zum Ziel und was sie dort finden würden.
Sie fuhren tiefer in das Weiße Land.
Der Tag war gekommen. Shane hatte ihr vor zehn Tagen gesagt, dass sie die heutige Nachtwache allein schieben solle und jetzt war es soweit. Seit neun Tagen hatte sie mit 39 zusammen ihre Flucht geplant, nun würde sich herausstellen, was ihr Plan taugte.
Aus der Küche hatte sie etwas Schweineblut entwendet, damit sie es nach einem Kampf aussehen lassen konnten und sie hatte ihr Gewehr dabei.
39 brach grade das Metallbein vom Bett ab, nachdem er es mühelos aus der Wand gerissen hatte. Er hob das Bett an, drehte es auf den Kopf, hielt es mit einer Hand fest und schlug mit der anderen das Bein ab. Dann schlug er ein paar mal gegen die Wand, um es leicht zu verbiegen und tauchte es daraufhin in das Schweineblut.
„Gib mir den Revolver, Terry.“
Willst du das wirklich tun?
Aber sie hatte keine Wahl mehr. Sie war so weit gegangen, nun gab es kein zurück. Sie reichte ihm den Revolver.
„Halt dir die Ohren zu, es wird laut.“
Sie presste sich die Hände auf die Ohren, aber trotzdem ließen die beiden Schüsse ihr Trommelfell vibrieren. Die Tür war geschlossen und der Schall war in dem kleinen Raum besonders laut.
„Alles in Ordnung bei dir?“
Sie nickte.
„Gut, dann lass uns verschwinden. Hast du die Autoschlüssel?“
„Natürlich habe ich die Autoschlüssel.“
„Sehr schön.“, er küsste sie, „Dann mal los.“
Der Kuss war kurz gewesen, aber er hatte sie endgültig von etwas überzeugt: Sie liebte diesen Mann. Trotz seiner Herkunft und seiner Verbrechen. Sie liebte ihn und würde für ihn sterben.
Sie fuhren in den Wald. Langsam, um deutliche Spuren zu hinterlassen. Weiter hinten würden sie stehen bleiben und 39 würde aussteigen und zu Fuß weiterlaufen. Sie würde zurückfahren und dabei so gut es ging auf ihren Spuren bleiben, damit niemand herausfand, dass sie sich getrennt hatten. Durch den Wald hindurch würde 39 wesentlich schneller sein als sie außer herum. Der Wald war groß und die Straße machte einen großen Bogen an seinem äußersten Rand entlang.
Als er den Wagen verließ sah sie ihm nach, dann legte sie den Rückwärtsgang ein und fuhr in ihr Verderben.