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Kapitel 1 - Die Flucht

39 hielt sich jetzt schon seit mehreren Tagen in der Stadt auf. Sie schien verlassen zu sein. Eigentlich hatte er damit gerechnet dort Menschen zu treffen. Wenigstens schienen die Wachen noch nicht mitbekommen zu haben, dass die Stadt verlassen war. Sonst wären sie bereits gekommen, um ihn zu suchen. Sie hatten Angst vor der Stadt, das konnte er während seiner Gefangenschaft herausfinden, deshalb war er auch her gekommen.
Die Strom- und Wasserversorgung der Stadt war zum Glück nicht abgerissen, dadurch war er in der Lage gewesen sich zu waschen. In einem der Geschäfte hatte er auch passende Kleidung für sein Vorhaben gefunden. Er trug jetzt feste Stiefel, eine dunkle Hose mit vielen Taschen und ein dunkles T-Shirt. Um die Hüfte hatte er sich in einer Kreuzschlinge die beiden Revolver geschnallt. Die Taschen der Hose waren mit einem Kompass und viel Munition aus dem Waffengeschäft der Stadt gefüllt. Ein Gürtel hielt ein Messer hinter seinem Rücken parallel zum Boden, so dass es ihn nicht beim Sitzen stören würde. Seine alten Sachen hatte er auf dem Marktplatz verbrannt und sich geschworen, nie wieder Gefangenenkleidung zu tragen.
Wie jeden Morgen bestand sei Frühstück aus Brot, das er in einem Gefrierschrank gefunden hatte, und frischen Eiern. Ein paar Hühner hatten es geschafft in die örtliche Bäckerei zu gelangen und schienen sich dort wohl zu fühlen, zumindest würden sie nicht verhungern.
Als er fertig war, beschloss 39 sich etwas in den Lebensmittelgeschäften umzusehen. In der Stadt gab es insgesamt zwei Stück, ein kleines Familiengeschäft und ein deutlich größeres. Das kleine hatte fast ausschließlich frische Waren geführt und so stank es da auch, das hatte er gestern schon überprüft. Der große hingegen führte alles: Konserven, Gefrierware und ähnliches, dort hatte die Lüftungsanlage dafür gesorgt, dass der faulige Gestank nicht ganz so stark war. Er hatte sich in den letzten Tagen dort bereits Milch besorgt, nur haltbare, die frische war schon lange vergammelt.
Aus irgendeinem Grund hatte niemand den Laden leer geräumt, es machte fast den Eindruck als hätten die Bewohner fluchtartig die Stadt verlassen, allerdings waren noch fast alle Autos in den Garagen und Vorgärten. Nachdenklich füllte er den Einkaufswagen mit Milch und Konserven. Draußen lud er die Sachen in das Wohnmobil, das er sich aus einem Autogeschäft genommen hatte und ging dann wieder hinein, um nach gefrorenem Fleisch zu suchen. Er nahm sich so viel, wie in das kleine Gefrierfach des Wohnmobils passte und lud es ein.

Am Stadtrand sah er sich noch einmal um, die kleine Stadt bot Sicherheit, die Wachen betraten sie nicht und er konnte dort sicher noch einige Zeit in Frieden verbringen, bevor der Strom ausfallen würde. Dann schaute er nach vorne, der Wald war niedergebrannt, die Straße kaputt und es warteten sicher Wachen auf ihn. Er guckte noch einmal auf das Foto, das er in einem der Häuser gefunden hatte und gab langsam Gas - seine Entscheidung hatte er schon vor langer Zeit getroffen, er würde sie jetzt nicht wieder ändern, nur weil er Angst hatte.

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Es wurde dunkel. Und damit Zeit weiter zu fahren. Der Jeep stand hundert Meter weiter getarnt hinter mehreren Bäumen und Büschen.
Wieder auf der Straße angekommen fuhr sie in Richtung Westen. Nach ein paar Kilometer wurde sie angehalten. "Aussteigen! Wer sind sie?", blaffte der Wachmann sie an. Er war noch jung und konnte kaum mehr als einfacher Soldat sein.
Sie nahm langsam ihre Dienstmarke heraus und reichte sie ihm. "Ich prüfe das, warten sie bitte einen Moment Major"
Der Soldat drehte sich um und ging in Richtung seines Jeeps, um eine Funkverbindung mit dem Hauptquartier herzustellen. Er hielt neben seinem Begleiter an, der sie bis dahin beobachtet hatte und zeigte ihm die Marke. Sein Blick bewegte sich von ihr zu der Marke - und sie zog das Gewehr heraus, das neben ihrem Sitz montiert war. Der erste Schuss traf den Soldaten, der sie angesprochen hatte in den Rücken und zerschmetterte seine Wirbelsäule. Der zweite drehte sich um und schaffte es seine Pistole zu ziehen als er vom zweiten Schuss getroffen wurde. Seine Schulter explodierte in einer Wolke aus Blut und Knochen und die Waffe fiel herunter. Mit einem letzten Drücken des Abzugs wurde sein Brustkorb zerrissen und er sank tot zu Boden.
Terry lud das Gewehr nach und steckte es wieder an seinen Platz. Dann stieg sie aus und versteckte die Leichen zusammen mit dem Jeep der beiden im Wald. Das würde sie zwar nicht, vor aufmerksamen Blicken schützen, aber für diese Nacht sollte es auf jeden Fall reichen.

Die nächsten Nächte verliefen ereignislos. Sie suchte sich im Morgengrauen ein Versteck und dort blieb sie bis es dunkel wurde. Das einzige außergewöhnliche war ein Reh gewesen, das ihr fast vor den Jeep gelaufen wäre. Wenn sie so gut weiter kam, würde sie diese Nacht noch an den Rand der Wüste kommen. Eine halbe Stunde später kam sie am Treffpunkt an. Eigentlich sollte hier ein Wagen auf sie warten, aber es war keiner da.
Als es anfing zu dämmern versteckte sie den Wagen im nahen Unterholz und versuchte zu schlafen. Am nächsten Abend war immer noch kein Wagen da und als die Dämmerung begann auch nicht. Er hatte sie verraten, da war sie sich sicher. Jetzt brauchte sie einen neuen Plan, zurück konnte sie nicht mehr, sie würden sie töten. Also blieb nur der Weg weiter nach vorne.

****

Als er am Treffpunkt ankam, war es Nachmittag und die Sonne brannte. Er war mehrere Tage zu spät. Der Weg aus der Stadt raus war mit Wachen gepflastert gewesen. Er musste mehrmals von der Straße runter. Das Wohnmobil war aber nicht für Geländefahrten gebaut worden, wie es schien und so hatte es sich fast jedes Mal festgefahren. Aber die Wachen hatten auch Vorteile gehabt. Zwei Patrouillen hatten jeweils ein Maschinengewehr mit sich geführt. Nun gehörten sie ihm.
Der Treffpunkt war leer. Aber am Boden gab es Reifenspuren, die ins Unterholz führten. Wut stieg in ihm auf, er hatte ihr extra gesagt, sie solle auf Reifenspuren achten. Er nahm einen der Revolver von der Hüfte und folgte den Spuren. Das Wohnmobil ließ er stehen, es zu verstecken hätte eh keinen Sinn. Nach wenigen Metern konnte er Terrys Jeep sehen, sie hatte ihn leidlich mit Ästen abgedeckt. Er suchte die Umgebung ab, konnte aber niemanden entdecken. Dann ging er zu dem Fahrzeug. Terry hatte sich auf die Rückbank gelegt und schlief. 39 fragte sich, wie sie dort schlafen konnte, gemütlich schien es jedenfalls nicht zu sein. Er stieg in den Jeep und stellte sich in den Raum zwischen den Vordersitzen und der Rückbank. Langsam senkte er seine Hand und presste sie auf Terrys Mund, den Revolver noch immer in der andern Hand haltend.

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Mit einer Hand auf den Mund gepresst, öffneten sich beide Augen. Und blickten in den Lauf eines Revolvers. Langsam hob sich die Waffe und wurde rückwärts in seinen Magen geschmettert. 39 zuckte leicht zusammen, blieb ansonsten aber ruhig liegen. Er konnte Efils Wut darüber, dass er nicht versucht hatte zu schreien, deutlich erkennen.
"Elendes Stück Scheiße!", Efil spuckte ihm ins Gesicht und verließ wütend die Zelle.
39 wollte sich aufsetzen, hörte aber Schritte. Er drehte den Kopf und sah Terry neben seiner Liege stehen. Er war sich fast sicher, in ihren Augen Bewunderung sehen zu können, dann brüllte Efil draußen: "Terry, beweg deinen Arsch!"
Erschrocken blickte sie zur Tür, aber sie war leer. Efil war schon weiter gegangen. Sie ging rasch aus der Zelle, blickte sich an der Tür noch mal kurz um und ging dann nach links. 39 setzte sich langsam auf und folgte ihr zur Cafeteria. Zumindest stand das über der Tür. Die Schrift war zwar schon dreckig und unvollständig, aber man konnte noch immer erkennen, was dort einmal stand. Der dreckige und stinkende Raum, den er betrat, hatte aber nur wenig mit der Cafeteria zu tun, die er einmal gewesen sein musste. In den Ecken sammelte sich der Müll und verschiedene Arten von Fliegen und anderen Tieren.
Efil hatte ihn wie jeden Morgen zuletzt geweckt und so hatte er wie gewohnt Probleme noch etwas halbwegs Essbares auf dem Tresen zu finden. Dieses Spielchen spielten sie nun schon seit neun Tagen, seit 39 in seiner Zelle aufgewacht war, und es war immer das gleiche. Außer Terry, die Bewunderung in ihren Augen war neu gewesen.

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Terry öffnete ihre Augen und sah einen Revolver über ihrem Gesicht hängen. Sie haben mich gefunden. Dann glitt der Revolver nach links und die hand auf ihrem Mund löste sich. Sie wurde durch ein paar raue Lippen ersetzt.
"Ich wurde unterwegs aufgehalten."
Sie warf sich nach vorn und schlang sich um seinen Hals.
"Ich dachte du kommst nicht mehr. Ich wollte weiter, aber..."
Er hob sie an und kletterte mit Terry um den Hals aus dem Jeep.
"Lass uns von hier verschwinden, mein Wohnmobil steht offen auf der Straße."
Sie löste ihre Arme von seinem Hals und nahm sich vom Jeep, was sie tragen konnte. Das Gewehr nahm sie in die Hand. 39 hatte sich nur den großen Rucksack genommen, ansonsten hatte er beide Hände frei und schien bereit zu sein, seine beiden Revolver sofort zu ziehen.
"Woher hast du den zweiten Revolver?"
"Von Efil."
Mehr brauchte er nicht zu sagen, sie wusste was es bedeutete.

****

Der Abend verlief ebenfalls wie immer. Efil brachte ihm noch einen Eimer mit Wasser zum Waschen und schüttete diesen dann über seinem Kopf aus. Zu 39 kam er immer zum Schluss, wenn der Eimer schon allen möglichen Dreck von den anderen Gefangenen enthielt. Danach verließ er lachend die Zelle.
Aber etwas war anders. Wenige Minuten nachdem Efil gegangen war, hörte 39 wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Er bereitete sich darauf vor, Efil direkt anzugreifen und zu überwältigen.
Wenn er um diese Zeit noch einmal kommt, dann sicher nicht, um mir einen angenehmen Schlaf zu wünschen.
Die Tür öffnete sich, 39 setzte sich in Bewegung, und blieb abrupt stehen. In der Tür stand nicht Efil, sondern Terry. Die weibliche Wächterin, die Efil normalerweise begleitete. Sie hielt ein Handtuch in der Hand und reichte es ihm entgegen. Er nahm es ihr mit einem dankbaren Nicken ab, aber bevor er etwas sagen konnte, hatte sie die Tür zugezogen und abgeschlossen.

****

Terry folgte 39 aus dem Unterholz. Auf der Straße stand ein großes beigefarbenes Wohnmobil. Der Wagen war dreckig, sie konnte genau sehen, wie weit er teilweise in den Morast versunken war. Dann drängte sich ihr ein anderer Gedanke auf, wie?
"Wie konntest du so einen Wagen fahren? Woher kannst du überhaupt fahren?"
"Ich wusste einfach, wie es geht. Der Wagen stand in einem Autogeschäft, ich hab ihn mir angesehen, die Schlüssel entdeckt, bin eingestiegen... und wusste, wie man ihn fährt.", sie konnte die Verwirrung in seiner Stimme deutlich hören.
Ob er auch das andere weiß?
"Wie mit der Uhr?"
"Wie mit der Uhr!"
Also weiß er es nicht, gut.
39 ging vor ihr in das Wohnmobil. Sie folgte kurz nach ihm und konnte grad noch sehen, wie er ein Stück Papier oder Pappe in eine seiner Hosentaschen steckte.
"Wo sollen die Sachen hin?", sie fragte nicht, was er weggesteckt hatte, er würde es ihr eh nicht sagen. Sie verstaute die Sachen, wo er es ihr gezeigt hatte und legte das Gewehr neben das Bett.
"Wo hast du das her?", Terry hob eins der Maschinengewehre auf.
"Ich sagte doch, ich wurde aufgehalten", er grinste sie verstohlen an, wie ein kleines Kind, "denke, wir können damit mehr anfangen als die Vorbesitzer."

Den Rest des Tages fuhren sie weiter. 39 hatte sich auf das Bett gelegt und schlief, Terry fuhr. Nachdem sie der Meinung war, dass er fest schlief, hielt sie das Wohnmobil an und ging zu ihm. Seine Hose lag neben dem Bett, sie hob sie vorsichtig hoch und nahm sich den Gegenstand, den er vor ihr verstecken wollte, aus der Tasche.
Es war ein Foto - von ihr. Es konnte kaum älter als fünf Jahre sein, aber sie konnte sich nicht erinnern, je an dem Ort gewesen zu sein, an dem es gemacht wurde. Sie kannte die Häuser im Hintergrund nicht. Sie hatte nie den Komplex verlassen. Sie…
Sie steckte das Foto hastig wieder zurück, verließ das Wohnmobil und übergab sich. Zwei schwere Hände legten sich auf ihre Schultern.
"Alles in Ordnung?", in seiner Stimme schwang Besorgnis mit.
"Ja, mir war nur plötzlich schlecht… geht schon wieder." Sie legte ihre linke Hand auf die auf ihrer Schulter.
"Soll ich fahren?"
"Nein, nein. Du musst schlafen."
Er dreht sie herum und zog sie zu sich heran und küsste sie. "Später."
Durch seine Boxershorts hindurch spürte sie, wie sich etwas regte. Er zog sie langsam in den Wagen und sie liebten sich.

****

Die Fahrt durch die Wüste wurde mit jedem Tag anstrengender. Tagsüber mussten sie immer längere Pausen machen, da der Wagen mit jedem Tag, mehr zu überhitzen drohte. Aber, wenn er sich nicht verschätzt hatte, würden sie morgen ihr erstes Ziel erreichen. Er wusste nicht, ob Terry ihm weiter folgen würde, wenn sie einmal wusste, wo er lang will. Wenn sie nicht mitkommen wollte, würde er sie hier zurücklassen müssen.
Er blickte sich nach hinten um, sie lag auf dem Bett, die Decke bedeckte sie nur unwesentlich. Als er sie so liegen sah, wusste er nicht, ob er es tun könnte. Ob er sie zurücklassen könnte. Du würdest alles tun, um dein Ziel zu erreichen, was immer das auch sein mag. Schoss es ihm durch den Kopf, wahrscheinlich hatte diese Stimme Recht. Sie hatte wie seine eigene geklungen, aber irgendwie auch wieder nicht. Er würde sich später darüber Gedanken machen.

Bei Sonnenaufgang weckte er Terry auf. Als sie sich aufsetzte bemerkte er wieder einmal, wie schön sie doch war.
"Frühstück", er küsste sie auf die Stirn.
Nachdem sie sich angezogen hatte, klappte sie das Bett zusammen und den Tisch davor herunter. 39 legte einige Scheiben von einem trockenen, dünnen Brot darauf und stellte Dose Fleisch dazu. Auf der Dose stand Frühstücksfleisch, es schmeckte keinem der beiden sonderlich gut.
"Wir kommen morgen an der Grenze an.", begann er das Gespräch.
"Welche Grenze?"
Er antwortete nicht, sondern sah sie nur an.
"Nein, nicht diese Grenze. Du willst doch nicht…?", ihre Stimme klang schockiert und ihr Gesicht sah genauso aus.
"Was hast du denn gedacht, wo ich hin will, wenn wir durch die Wüste fahren?"
"Ich weiß es nicht, alles nur nicht da durch."
"Es gibt keinen anderen Weg, dorthin wo ich hin will."
"Wohin? Wohin willst du?", diesmal kein Schock, sie schrie.
"Ich weiß es nicht.", trotz Terrys schockierter Stimme und ihrem Geschrei, war er ruhig geblieben. "Ich weiß nicht wo ich hin will, ich weiß nur, wie ich dort hinkomme. Jetzt will ich wissen, ob du mitkommst."
"Ob ich mitkomme? Ob ich mitkomme?", zu ihrem Schreien hatte sich nun Wut gesellt, "Du schleppst mich, bis kurz vor die Grenze und fragst dann ob ich mitkomme? Was hab ich denn für eine Wahl? Mein Jeep steht mehrere Tage Fahrt hinter uns und ich denke nicht, dass du mich zurückbringen wirst, oder?"
Er antwortete nicht, sondern sah sie wieder nur an.
"Wenn du schon nicht weißt, was du dort finden wirst, sag mir wenigstens was du hoffst.", die Wut war aus ihrer Stimme gewichen und hatte Resignation platz gemacht.
"Antworten, ich erhoffe mir Antworten."
Sie nickte und er wusste, sie würde mitkommen. Wie lange konnte er nicht sagen, aber erstmal für eine Weile.
Morgen würden sie dann das Weiße Land erreichen.

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